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Wa(h)re Gefühle?

Mehr und mehr werden Gefühle zur Ware. Für unser Gehirn macht nur einen Sinn etwas zu kaufen, wenn damit innere Wünsche oder Sehnsüchte erfüllt werden.  Gefühle sind deshalb die Köder, die benützt werden um (bedürftigen) Menschen das Geld aus den Taschen zu holen. Problematisch dabei ist jedoch, dass es uns immer schwerer fällt zu unterscheiden, welche Gefühle uns als „Kaufköder“ eingepflanzt werden– und welche wirklich die eigenen sind. Schon längst nicht mehr geht es beim Kapitalismus um Waren oder Dienstleistungen, sondern um den Verkauf von Gefühlen.

Wa(h)re Gefühle

Buchempfehlung und Lesetip

Eva Illouz

Authentizität im Konsumkapitalismus


 

Würde es nach den Versprechen der Werbeindustrie gehen, müssten wir von einem Glückgefühl ins nächste rauschen. Der Filterkaffee im Pappbecher des Bäckers ließe uns durch das zauberhaft duftendes Aroma, voll Genuss in den Tag springen. (Schon mal passiert?) Streamingdienste versprechen „stream Dich frei“. Wir müssen eben nur kaufen, kaufen, kaufen und selbstverständlich darauf achten, dass uns nicht das Geld ausgeht. Wie bei einer „Glücks-Jukebox“. Es reicht einfach, wenn wir die nächsten Euros reinwerfen, damit es vor Lebensfreude nur so sprudelt. 

 

Natürlich wartet ein Traumurlaub schon auf Dich, besser gesagt auf Dich und deine wahre Liebe, von der du auf Parship nur ein paar Klicks entfernt bist. Der moderne Kapitalismus macht den Konsum zu einem Gefühlsrausch und verkauft im wahrsten Sinne des Wortes (unsere) Gefühle. Ohne, dass wir es merken, wird in jede Ware ein Emotion hineinprojiziert und dabei unsere innere Gefühlswelt manipuliert. Doch welche Bedeutung hat es, wenn Gefühle zur Ware werden? Wenn uns emotionale Versprechen eingetrichtert werden, die zur leeren Hülse werden. 

 

Unabhängig davon, dass damit die Konsumwirtschaft weiter angetrieben wird, vielleicht „klappt‘s ja beim nächsten Produkt“ oder im ungünstigeren Fall, der Käufer zu blöd ist - „es liegt an Dir, wenn du es nicht spürst, probier’s noch mal“, liegt die wahr Misere darin, dass selbst nicht mehr wahrnehmen können, welche Emotionen die eigenen sind und welche uns nur eingetrichtert wurden, damit sich Sehnsucht in Kauflust verwandelt. 

 


 

„Sei rundum glücklich“ gilt heute für fast alles, Reizwäsche, Grußkarten, Flachbildfernseher, karibische Träume, auch jede Sportart bekommt ihr eigenes ganz spezielles, nur extra dafür designte Ouffit und das gilt natürlich auch für die wahre Liebe. Der rationale Tagesstress, der uns das letzte Lebensgefühl zermürbt, lässt unsere Emotionen austrocknen, aber bereits auf dem Nachhauseweg, verheißen Glückbringer an jeder Ecke, in der U-Bahn, über Plakate oder flimmernde Bildschirme, wie wir und im Handumdrehen – natürlich mit den nötigen Euros – wieder richtig gut fühlen. 

 

Zeitschriften wie Cosmopolitan oder ähnliche gibt es für jedes noch so undenkbare oder kleine Interessensgebiet, wo dir verraten wird, wie du dich seelig „fischt, kleidest, läufst, kochst, schminkst oder reinigst. “Zuletzt nehmen Dir Grußkarten noch all die Arbeit ab und verpacken deine Gefühle in passende Botschaften. Bei der großen Auswahl, bekommst Du dann am Ende noch das Gefühl, auch deine „eigene Persönlichkeit“ hineinzulegen und du verschenkst fremde Worte, in dem Glauben authentisch zu sein.  Selbst in das Zuhause, als der natürliche Rückzugsraum für den Menschen wurde infiltriert. Hier war früher mal Feierabend. Hier war man dann, wer man wirklich ist und es war Zeit für Authentizität oder Intimität. Doch jetzt piepst, blinkt und läutet es fast an jeder Ecke, in jedem Moment und bei jedem gemeinsamen Essen, falls es das noch gibt. 

Und wie glücklich sind wir nun wirklich?  

Wir können Glück nicht kaufen. (Was für eine unbequeme Erkenntnis) Wir können Glück nur selbst – und zwar in uns - erzeugen. Glück, wie alle anderen Gefühle, keine Industrieprodukt und kann deshalb auch nicht geschluckt, einmassiert oder gestreamt werden. Ob wir es glauben wollen oder nicht, was wir nicht in uns finden, finden wir nirgendwo. Nicht im Shoppingrausch, im Wohlfühltee, nicht einmal am Kilimanjaro. Denn was bei so einer Besteigung „in uns abgeht“ sind die Dopamine, die bei Bewegung, neuen Aufgaben oder inneren Herausforderungen stellen und uns etwas Wünschenswertes gelingt, anspringen. Eine Eigenproduktion sozusagen, die keine Kreditkarte braucht. Lust an der Entwicklung und damit verbundenen Leistung wird mit Glücksgefühlen belohnt, von innen heraus - und man versteht dadurch, dass man selbst sein Glück produziert.

 

Doch lassen wir einige wirkliche Fachleute zu Wort kommen. Menschen, die ihr Leben der Aufgabe widmen, wissenschaftlich zu erkennen, was in uns – unserem Hirn, unserem Körper und unseren Gefühlsleben – vorgeht. Dabei wird ersichtlich, dass die industrielle „Anmache“ auf (mindestens) drei Ebenen professionell betrieben wird. Auf der ersten geht es um die Befreiung deines vermeintlich gefangenen Selbst. Auf der zweiten Ebene geht es darum, intime Bindungen zu anderen Menschen durch Konsum zu stärken und die dritte Ebene widmet sich dem Konzept der emotionalen Gesundheit. 

ERSTE EBENE - Die Befreiung des "gefangenen" Selbst

Die Werbeindustrie-Logik dahinter ist klar: Der Druck der Leistungsgesellschaft hält dich davon ab, du selbst zu sein und nur in der Sorglosigkeit des Cluburlaubs erkennst du, worauf es im Leben ankommt. Doch die wirkliche Antwort dahinter ist ebenso einfach und klar. Weil nicht die Eigenheit oder persönliche Strategie honoriert wird, sondern nur die Anpassung ans System honoriert und gefördert wird. 

 

In der heutigen Berufswelt arbeiten leider viele Menschen nicht „hirngerecht“. Im Schnitt arbeiten wir nur mehr elf Minuten ohne Unterbrechung an einer Tätigkeit. In der IT Branche sind es sogar nur mehr drei Minuten. Die Zeit, die von der Unterbrechung einer bestimmten Tätigkeit bis zur Rücker zu dieser vergeht, beträgt im Schnitt 21 Minuten.  Flow entsteht indem wir konzentriert unsere 40 Bits bewusste Aufmerksamkeit in eine Aufgabe investieren. Durch Multitasking wird die Chance auf Flow und damit eines guten Arbeitsgefühls (Sinn) und -ergebnisses (Motivation) „geschreddert“. 

 

Der Energieaufwand und zugleich -verlust nimmt den größten Raum ein, wobei nach Unterbrechungen immer ein „innerer Blick“ auf all die „vorhandenen Baustellen“ geworfen wird. Der Verlust am „Flow“ erzeugt zugleich einen Verlust an der Sinnhaftigkeit der Arbeit. Stellen Sie sich mal vor sie würden eine Reise machen und alle 2 – 3 km einen Stopp machen. Also Wagen anhalten, kurz aussteigen dann erneut starten und wieder losfahren. Welches Fahrgefühl würde da bei Ihnen aufkommen?

Dopamin oder „das Hormon der Belohnung“

Wir werden quasi „von innen her belohnt“ wenn uns etwas gelingt. Jeder kennt das Gefühl, wenn wir spüren, dass sich unsere „Investition“ lohnt und wir kennen auch das Gegenteil. 

Um uns für eine (lohnende) Sache anzustrengen, vielleicht sogar das Risiko zu erhöhen, erhalten wir Dopamin („das Belohnungshormon). Dopamin hat verhaltensmotivierende und erfolgssignalisierende Wirkung. Die Logik des Belohnungssystems ist einfach: Die Lust an unserer Leistung – wird mit Motivation belohnt. Wer seine Arbeit interessant und herausfordernd finden kann, erlebt bei der Arbeit Lust, die zu mehr Leistungsbereitschaft und Flow (Arbeitsfreude) führt. 

Auszüge aus "Besser fix als fertig" - Bernd Hufnagl



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