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Angst geh weg

Wie wir Ängste auf "stand by" stellen können

Natürliche Angst ist eine Grundemotion und überlebenswichtig und unser Organismus reagiert unbewusst und reflexartig darauf. Aber es gibt nicht nur angeborene (natürliche) Ängste, sondern auch, im Laufe unseres Lebens erlernte oder erzeugte Ängste und auf diese können wir einen bewussten Einfluss nehmen. Wir können lernen leichter damit umzugehen und sie sogar mit der Zeit auf „stand by“ stellen. Das ist vor allem hilfreich, wenn man ständig unter Ängsten leidet.

 

Wir können Ängste auch (wieder) loswerden oder besser gesagt wir können sie durch neue Erfahrungen in eine „stand by“ Position bringen. Sie ist zwar dann noch als eine Möglichkeit hier, belastet uns aber nicht mehr. Vorrangig geht es dabei um sogenannte „erlernte oder erzeugte“ Ängste, also Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens, als beängstigend erlebt haben und die im emotionalen Gedächtnis gespeichert sind.

 

Angst sichert das Überleben und ist alleine deshalb schon bedeutend und wichtig. Doch speziell Ängste, die auf Grund gewisser Umstände „nur“ in unserer eigenen Biographie entstanden sind, also von uns „erfahren und erlernt“ wurden, sind kontrollier- und auch  wandelbar. Leben ist Veränderung und einer der größten menschlichen Eigenschaften ist die Wandlungsfähigkeit, das gilt sowohl für zukünftige Herausforderungen, wie ebenso für vergangene.

 

Gerald Hüther sagt dazu: „...Ob die bisher in ihrem Gehirn angelegten und ihr Fühlen, Denken und Handeln bestimmenden Verschaltungen für den Rest ihres Lebens so bleiben oder verändert werden sollen, brauchen sie ein lebenslang lernfähiges Gehirn. Und genau das ist die spezielle Fähigkeit des menschlichen Gehirns.“ 

 

Nichts bleibt, wie es war, wenn wir etwas verändern möchten. Doch oft glauben wir, dass gerade negative Erfahrungen in Stein gemeißelt und deshalb unvergänglich sind. Die Natur hat es zwar so angelegt, dass wir alte Erfahrungen zwar nicht vollkommen löschen – sonst müssten wir das Rad ewig neu erfinden – jedoch durch bessere Erfahrungen ersetzen und somit in gewisser Weise „updaten“ können. 

 

 


die Angst geht um

Die Angsterkrankungen in der westlichen „Wohlstandsgesellschaft“ nimmt laufend zu. In Deutschland leidet jeder fünfte (20%) über ständige Ängste. In Großbritannien haben sich die Verschreibungen für Antidepressiva in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt. Waren es 2006 31 Millionen, stieg die Anzahl bis 2016 auf 64,7 Millionen (108,5%)

 

In den USA stieg der Anteil der Menschen, die Antidepressiva zu sich nahmen, zwischen 1999 und 2014 um 64% (Winerman, 2017) und bei einer Analyse der Daten von 55 Millionen amerikanischen Millennials (Alter von 21 bis 36) im Jahr 2017 wurde festgestellt, dass seit 2013 ein 47%iger Anstieg an Diagnosen schwerer Depression zu verzeichnen ist (Hoffower, 2019). Zum Abschluss deprimierender Weltstatistiken zeigt sich, dass die „Pandemie der Verzweifelten“ bis 2025 mehr als 1,6 Millionen Menschen betreffen wird, wenn sie sich in ihrem derzeitigen Tempo fortsetzt (Buyinski, 2019).

 

Angst und damit in Verbindung chronischer Stress führt zu Depressionen, Angst, Wut, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Gedächtnisverlust und vor allem zu einem geschwächten Immunsystem, was die Lebenserwartung verringert. Wobei auch die Pflegenden – wie durch eine Kettenreaktion - an einem depressiven Erschöpfungszustand leiden, da sie miterleben, wie sich der Zustand ihrer Angehörigen verschlechtert, was oft zu eigenen emotionalen und gesundheitlichen Problemen führt.

 


Wie kommt die Angst in unsere Köpfe ?

Stellen Sie sich folgende Situation vor. Sie müssen in ihrem Job erstmalig zu Jahresgespräch mit ihrem Chef, der leider einen ganz „schlechten Tag“ hat. Gedemütigt und ungerecht behandelt verlassen Sie den Besprechungsraum und hadern für den Rest des Tages mit dem Schmerz dr Ungerechtigkeit, mit ihrer Enttäuschung und Wut. Noch am Selben Tag sprechen Sie mit ein paar Kollegen über das Erlebnis und lassen ihrem Frust freien Lauf. Sie fühlen sich als Opfer. 

 

An diesem Tag hat sich in Ihrem Gehirn etwas nachhaltig verändert: Drei Netzwerke waren erstmals gleichzeitig aktiv und wurden miteinander verbunden. 

 

Netzwerk eins: das Stammgehirn reagierte auf den Schmerz nach dem Gespräch mit Aggression und Wut. 

Netzwerk zwei: das emotionale Gehirn (limbisches Sysem) steuerte die Handlung des emotionalen Jammerns und spürte die wohltuende Wirkung des sozialen Zuspruchs (Oxytocin) und 

Netzwerk drei: das Großhirn  nahm das eigene Verhalten in dieser Situation bewusst wahr, womit sie als „(Muster-)Erfahrung“ abgespeichert wurde. 

 

Diese drei Wahrnehmungen wurden miteinander verdrahtet und werden künftig immer gleichzeitig reagieren!! .... In solchen Situationen verknüpfen sich die Erfahrungen und produzieren daraus Überzeugungen. Von nun an genügt es nämlich, dass Sie einen befreundeten Kollegen beim „Jammern“ zuhören, und Sie werden den Ihnen von Ihrem Chef zugefügten Schmerz wieder empfinden.  (Bernd Hufnagl - "Besser fix als fertig")

 

Das bedeutet, negative Erfahrungen prägen sich viel intensiver ein, weil unser Gehirn diese Erfahrung in Zukunft vermeiden oder anders gesagt, uns davor schützen will. Da wir ja oft schon von Kindheit an, in unserem Elternhaus oder familiären und kindlichen Umfeld negative Erfahrungen machen, tragen wir mehr oder weniger viele negative Dispositionen mit uns herum, die sich im Falle der entsprechenden Wiederholung auch noch verstärken können. 

 

 


Die Wege der Erfahrung

Nehmen wir einmal an, auf Ihrem Weg zur Arbeit, entdecken Sie, wegen einer Umleitung auf einer anderen Route, ein auffallend nettes Cafe. Sie halten an, weil sie gerade Zeit haben und bekommen dort einen ausgezeichneten Cafe, wie ebenso handgemachte Croissants. Sie sind begeistert und denken sich, „hier werde ich öfter mal vorbeifahren“. Die nächsten Tage nehmen Sie zwar, weil die Umleitung wieder aufgehoben und Sie eilig dran sind, wieder den alten Weg. Im Büro merken Sie, dass Sie um ihr Croissant gekommen sind und so stellen Sie am Abend ihr Rad andersrum ab, um am Morgen die „Croissantroute“ nicht zu vergessen. Ab nun fahren Sie immer häufiger diesen Weg, da Sie neben dem Croissant noch viele weitere leckere Dinge entdecken und langsam auch mehr und mehr Gleichgesinnte dort treffen, was Sie schließlich zu einem Stammgast und „Freund des Hauses“ macht. Nach einiger Zeit fällt ihnen zwar wieder einmal die alte Radstrecke ein, sie lächeln, denken was Ihnen dabei entgangen ist und freuen sich über das „update“ oder ihre gelungene Veränderung.  

 

Dieses Beispiel beschreibt, wie in Ihrem Kopf die neue Erfahrung, neue Denkwege erzeugt hat. Sie haben sich verändert, bzw. ihre Route verändert und dabei auch etwas anderes, etwas besseres kennenge-lernt. Ein Wandel wie dieser, ebenso wie auch Lernen geschieht über die Veränderung der Verbindung verschiedener Neurone. Je häufiger Sie ihr „Croissant“ genossen haben, desto stärker wurden die Verbindungen in ihrem Kopf und schon nach wenigen Tagen, mussten Sie auch nicht ihr Fahrrad andersrum abstellen, um sich daran zu erinnern. Neben dem herrlichen Geschmack des Croissants, wirken dabei auch noch andere Gefühle und natürlich entsprechende Hirnareale und Zellen mit, die schließlich diesen Weg und die damit empfundenen Erlebnisse zu ihrem „neuen Alltag“ machen.

 

Aber was hat das mit er Angst zu tun, könnten Sie sich fragen und vorweg sei gesagt, dass dieser Prozess eines „Erfahrungs-updates“ sowohl für positive, wie auch negative Erfahrungen gilt, nur dass negative Erfahrungen viel schneller und wirkungsvoller in ihrem Erfahrungsspeicher landen, als ein duftendes Croissant. Schließlich geht es um eine Bedrohung und die vorrangigste Aufgabe unseres Gehirns ist es unser Leben zu schützen. 

 

Das bedeutet, negative Erfahrungen prägen sich viel intensiver ein, weil unser Gehirn diese Erfahrung in Zukunft vermeiden oder anders gesagt, uns davor schützen will. Da wir ja oft schon von Kindheit an, in unserem Elternhaus oder familiären und kindlichen Umfeld negative Erfahrungen machen, tragen wir mehr oder weniger viele negative Dispositionen mit uns herum, die sich im Falle der entsprechenden Wiederholung auch noch verstärken können. 

 


der hilfreiche Umgang mit Angst

Um mit Ängsten oder Stress besser umzugehen und diese gezielt und schnell abzubauen, hat das „heart-math“ Institut eine Atemtechnik entwickelt, die äußerst effektiv als Schlüssel zur sofortigen Stressreduzierung nutzt. Diese bewusste Atmung bringt das gesamte Körper-Geist-System ins Gleichgewicht. Man kann diese Technik an jedem Ort und zu jeder Zeit einsetzen, mit sofortigen Ergebnissen: zur Kontrolle von Ängsten, sowie zur schnellen Erholung von Schocks oder schwierigen Situationen, in denen eine Stress-Kontrolle hilfreich und erforderlich. (mehr darüber hier)

 

Eine bewusste Atmung stimuliert den Vagusnerv. Dieser Nerv, ist ein Entspannung und Ruhe bewirkender Nerv und einer der wichtigsten Verbindungen unseres Körpers (Bauch und Darm) zum Gehirn. Der Vagus Nerv setzt auch Antistresshormone frei. Zudem wird 90% unseres Serotonins (Wohlfühlhormon) in unserem Darm produziert und diese Information über den Vagus Nerv an das Gehirn gesendet. Serotonin verringert Angst und Reizbarkeit und ist notwendig für eine glückliche Stimmung, und hilft uns auch beim Einschlafen und bei der Regeneration. (mehr darüber hier)

 


Wie wir Ängste verändern und lösen

Will man einer Maus beibringen, dass sie den Ton nicht mehr zu fürchten braucht, ist ein umlernen (Extinktion) nötig. Dabei wird das Alte nicht völlig vergessen, jedoch etwas Neues erfahren und erlernt. Um die ängstliche Reaktion zu verlernen, spielt man dem Versuchstier immer wieder einen Ton vor – aber ohne elektrischen Reiz. Diese neue Erfahrung konkurriert dann mit der alten und lässt sie dabei bei mehrfacher Wiederholung immer bedeutungsloser werden, bis sie schließlich nur noch im „stand by“ vorhanden ist. 

 

Das heißt, es wird dann interessant, wenn bei einer alten Erfahrung etwas Anderes oder Neues passiert, was mit dem alten Erfahrungsbild nicht übereinstimmt. Dann öffnet unser Gehirn erneut den Erinnerungsspeicher, vergleicht das Vorhandene (alte Muster) mit der neuen Erfahrung und macht dabei ein „update“. In diesem Moment entsteht Erkenntnis und man hat etwas dazugelernt. Das ist im Grunde nichts außergewöhnliches, weil die Fähigkeit zur Veränderung und Erweiterung im menschlichen Gehirn angelegt, sogar besonders dafür geeignet ist. Genau genommen könnte man sagen, sobald wir bereit sind alte Erfahrungen in neue Erfahrungen umzuwandeln, können wir uns von erlernten Ängsten befreien. 

 

Das Wichtigste daran ist, dass wir lernen eine Erfahrung oder Situation die z.B. mit Stress verbunden ist, aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, noch besser, zu erleben. Es ist gut sich hier nochmal die Geschichte der „Fahrradroute und dem Croissant“ in Erinnerung zu rufen, denn es ist genau dasselbe Prinzip, wie wir eine angstvolle Erfahrung (alte Route) in eine neue – positive – Erfahrung (neue Route mit Croissant) verwandeln. Hat unser Gehirn einmal den neuen Weg und vom neuen Gefühl ein „update“ gemacht, passiert alles Weitere, durch Wiederholung, wie von selbst. Die alte Erfahrung - damit in Verbindung auch die Angst - wird immer schwächer, bis sie schließlich völlig auf „stand by“ geht. 

 

Sie ist dann für den Notfall immer noch aktivierbar und kann uns in Zukunft auch vor Gefahr schützen, belastet uns jedoch nicht mehr. Die Erkenntnis, dass wir eine (beängstigende) Situation auch anderes erleben und lösen können führt zu einer unglaublichen Befreiung. 

 

Selbst bei einer Sucht ist dieses aktive Umlernen in der heutigen Therapie ein Weg aus der Krankheit oder auch bei Angsterkrankungen und posttraumatische Belastungsstörungen, um die Ängste zu überwinden. Es gilt dabei alte Verhaltensmuster durch Erkenntnis und eine neue – im besten Falle positive – Erfahrung zu verändern. Wie das beispielsweise bei einem Kindheitstrauma passierte, zeigt das Beispiel einer Bankfrau aus Zürich (hier >>)

 


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