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Keine Angst vor der Angst

Wie wir mit Ängsten (besser) umgehen können

Jeder von uns hat Ängste, wir fürchten uns vor enormen Höhen, tiefen Schluchten, dunklen Gängen, vor Schlangen und Spinnen und aktuell besonders vor Viren. Wenn wir ängstlich sind, haben wir unheilvolle Ahnungen, werden unruhig und im Bauch macht sich ein flaues Gefühl breit. Angst ist wichtig, um uns zu schützen, doch kann sie uns auch bedrohen oder beherrschen. Das zu verhindern ist recht einfach, wenn wir die Angst und ihre Mechanismen besser verstehen.  

Nun lernt auch die Wissenschaft die Angst immer besser kennen und verstehen. Aus evolutionärer Sicht - also von Anbeginn bis heute - ist Angst ein Schutzmechanismus, um eine Gefahr zu erkennen und so gut wie möglich darauf zu reagieren.

 

Betrachtet die verschiedenen Ängste etwas genauer, erkennt man, dass es natürliche Ängste, wie Höhe, Dunkelheit, Lärm etc.) gibt, aber auch erlernte Ängste, sprich Ängste, die persönlich nicht für jeden sofort verständlich sind. Erlernte Ängste entstehen durch individuelle beängstigende Erfahrungen, die man entweder selbst oder im Beisein einer Situation miterlebt.

 

Davon kann es unzählige geben, z.B. Haiattacken, Hausbrand, Einbruch, die Angst vor einem Lehrer (oder später Vorgesetzten), ebenso Gewalt in der Familie uvm. Bevor die Erfahrung nicht gemacht wurde, gab's davor noch keine Angst und in manchen Fällen trägt man diese mit sich alleine herum, oft auch unverstanden von anderen. 

 

Generell wirken beide Ängste ähnlich, doch können erlernte Ängste im Laufe der Jahre zu einer ständigen Belastung werden, wenn wir uns damit immer wieder konfrontiert fühlen. Vorweg  die gute Nachricht: Was wir erlernt haben, können wir auch wieder ver- oder umlernen, doch dazu später. Zuerst ist es sinnvoll, das Wesen und die Biologie der Angst besser zu verstehen, denn was Viele nicht wissen – wenn wir keine Ängst hätten, wäre es viel gefährlicher. 

 


der Angst auf den Fersen

Der Neurowissenschaftler Josephl LeDoux hat untersucht, was bei Angst, im Kopf von Ratten passiert. Dabei befanden sich die Nager auf einem Bodengitter aus Metall und es gab noch eine Lautsprecherbox. Immer wenn ein bestimmter Ton erklang, erhielt die Ratte einen leichten, aber unangenehmen Stromschlag. Es ist nicht schwer zu erraten, dass sie nach kurzer Zeit auf den Ton mit Furcht reagierte. 

 

Wenn sich Ängste, durch eine oder mehrfache Erfahrung erst einmal entwickelt haben, prägen sie sich in uns ein und bestehen zumeist für eine unbestimmte, oft auch über eine lange Zeit oder die Dauer des Lebens. Beim Erlernen von Angst speichert unser Gehirn nicht nur eine Information z.B. den Schmerz ab, sondern nimmt eine Unmenge an Daten, die mit der Erfahrung und der angstvollen Situation in Zusammenhang stehen auf. 

 

Die gesammelten Eindrücke (Töne, Bilder, Laute, Ort usw.) werden dann im Gehirn, wie zusammengehörende Puzzleteile gespeichert. Dieses Muster ist hilfreich, um ähnliche Gefahrensituationen in der Zukunft, schon über ein einziges dieser Puzzleteile, sofort zu erkennen. Ständig sucht unser Gehirn im Alltag nach solch bekannten Mustern (positiv wie negativ) ab, damit wir auf jede erdenkliche Situation entsprechend vorbereitet sind und reagieren können. Wird ein "gefährliches Puzzleteil" entdeckt, steigert sich unsere Vorsicht, kommen weitere hinzu, steigt in uns die Angst hoch. 

 


Angst oder Furcht ?

Im täglichen Sprachgebrauch wird zwischen Furcht und Angst oft nicht unterschieden, obwohl es sich um zwei unterschiedliche Dinge handelt. Furcht ist eine Alarmreaktion und wird durch ganz konkrete Reize, bestimmte Objekte oder Situationen ausgelöst. Angst hingegen ist vielmehr ein unbestimmtes Gefühl, das in uns hochkommt. Ein Gefühl von Besorgnis oder Beklemmung.

 

Um es etwas bildhafter zu machen, stellen Sie sich folgendes vor. Sie sind gemeinsam mit Freunden auf Schiurlaub und müssen, um zu ihrer Hütte zu gelangen unter einer Dachschräge vorbei, von der sich bedrohlich eine Dachlawine herab neigt, die jeden Augenblick abrutschen könnte. 

 

Wahrscheinlich wird jeder ein gewisses Prickeln oder Furcht verspüren, vielleicht von  

dieser Lawine erwischt zu werden. Wenn aber einer der Teilnehmer schon einmal eine 

(lebens-)bedrohliche Erfahrung mit einer Lawine gemacht hat, so wird in dem Moment auch Angst aufkommen. Die Angst der Erfahrung. Diese erzeugt ein weitaus intensiveres und unangenehmeres Gefühl, als "nur" ein Prickeln oder Furcht. Angst kann also etwas sein, was nur ein einziger Mensch in einer Situation empfindet, während andere, diese weder erkennen oder verspüren. Manche Ängste sind ein individueller Teil unserer Biographie und somit sehr persönlich.

 


Wär's nicht schön ohne Angst zu leben ?

Auch wenn es ein häufiger Wunsch ist, so lebt es sich ohne Angst nicht besser. Denn ohne Angst wird es erst recht gefährlich, wie ein Bericht im Fachmagazin „Current Biology“ zeigt. Justin Feinstein von der Universität of Iowa schreibt gemeinsam mit Kollegen über eine Patientin, die scheinbar keine Angst kannte. Ob sie in einer Zoohandlung nach giftigen Schlangen griff oder vor ihr eine Tarantel saß, die sie gerne angefasst hätte, schien diese Frau nichts zu ängstigen.

 

Der Grund dafür war eine Störung in ihrem emotionalen System, genauer gesagt in der Amigdala (Angstzentrum), wodurch sie Gefahren nicht erkennen konnte und sich davor auch  nicht schützte. Die Folgen waren ziemlich schwerwiegend, denn sie wurde – immer wieder - Opfer zahlreicher Verbrechen, schrieben die Neurowissenschaftler. 

 

Gefühle spielen für uns - ob erfreulich oder ängstigend - eine zentrale Rolle, denn sie sind ein wichtiger Lernfaktor und Bestandteil unseres Wissensarchivs. Die angstlose Frau hat nichts aus der Gefahr gelernt und war deshalb immer wieder Gefahren ausgeliefert. All unsere Erfahrungen werden in Form von "Gefühlsmuster" abgespeichert und markiert. Innerhalb weniger Millisekunden sind sie abrufbar, bewerten Situationen und schätzen die Lage ein, um uns als Orientierung zur Verfügung zu stehen.  (mehr darüber hier >>)

 


Warum sich Erfahrung und Gefühl verbinden

Emotionen und Gefühle sind das Wesen jeder menschlichen Existenz. Sie haben einen enormen, vor allem aber bestimmenden Einfluss auf unsere Entscheidungen, unsere Handlungen und unser Verhalten. Antonio Damasio, der bekannteste Emotionsforscher der Welt sagt: „Intelligenz braucht Gefühle“. Gefühle bestimmen unser Leben, indem sie uns etwas signalisieren. Das kann eine Warnung oder auch Freude, Sicherheit o.ä. sein. Gefühle (ver-)leiten uns damit in bestimmter Weise zu reagieren.

 

Wenn z.B. die Ratte (im oben beschriebenen LeDoux-Experiment) für einen Tag in eine andere Umgebung gebracht und am nächsten Tag wieder in den alten Käfig gesetzt wird, zeigt sie – auch wenn kein Ton gespielt wird – ein ängstliches Verhalten. Sie kennt diese Umgebung und hat diese als schreckhaft erlebt und zusammen in ihrem Gefühlsmuster (Puzzle) abgespeichert. 

 

Erfahrungen in Verbindung mit Gefühlen haften besser und werden dadurch dauerhaft in uns gespeichert, damit wir nicht vergessen, was oder wo etwas für uns angenehm aber noch viel wichtiger, was gefährlich ist. Diese emotionale „Verankerung oder Prägung“ hat jedoch nicht nur Vorteile. Wie im Experiment mit der Ratte zu erkennen ist, ist diese Angst auch vorhanden, wenn kein Ton gespielt wird, also selbst, wenn es keine „reale“ Gefahr gibt. Nur durch die Erinnerung, wird eine unbestimmte Angst hervorgerufen, die  die verständlich ist, dennoch mit dem aktuellen Geschehen nicht übereinstimmt.

 

Hier mischen sich Schein und Realität und das passiert auch, wenn Ängste sich über Erinnerungen in uns festsetzen. Problematisch wird es, wenn uns beängstigende Gefühle verfolgen oder zu einer ständigen Belastung werden. 

 

 


Wenn sich Angst in uns breit macht

Manche Ängste sind angeboren. Geräusche oder Gerüche lösen schon von Geburt oder nach einmaliger Begegnung Angst aus. Zum Beispiel fürchten sich auch Ratten, die nie in Freiheit gelebt haben, vor dem Schrei einer Eule oder dem Geruch einer Katze. Doch viele unserer Ängste sind nicht angeboren, können aber ebenso leicht in uns entstehen und ebenso starke Reaktionen hervorrufen. Das passiert vor allem im sozialen Kontext, sprich unserem täglichen Umfeld und beginnt bereits im Kindesalter (Familie, Bekannte) und setzt sich  über die Schule (Lehrer, Freunde) oder später im Berufsalltag fort. 

 

Bei Affen zeigte sich, dass sie die Furcht von Schlangen übernahmen, sobald sie eine entsprechende Reaktion bei anderen Affen beobachteten. Ähnlich lernen wir, „wovor wir Angst haben sollten“ und leider werden auch aus "erzieherischen Gründen" Ängste geschürt. Das ist nicht sehr hilfreich, denn wenn wir das glauben - und als Kind haben wir dem wenig entgegenzusetzen - können sich darüber "unbestimmte und irrationale Ängste" in uns festsetzen, die unser Leben fest im Griff haben. 

 

Etwas Unbestimmtes zu glauben oder sich darüber bewusst zu werden/sein, ist ein großen Unterschied, vor allem im Umgang mit Ängsten. Selbst wenn uns klar ist, woher die Angst kommt oder stammt, können wir durch unser Bewusst-Sein etwas verändern und verbessern. Das gilt für unbestimmte, wie auch für selbst-erlebte und konkrete Ängste. Schließlich kann unser Bewusstsein sehr genau erkennen, wenn wir vor einer  giftigen Schlange stehen, ob sich diese hinter Glas befindet und wir deshalb keine Angst zu haben brauchen. 

 

  


Wie wir mit Ängsten besser umgehen

Unser Bewusstsein wird jedoch sehr leicht und vor allem schnell von den Gefühlen „überrumpelt“, weil Gefühle um ein Vielfaches schneller in uns wirken, als wir  denken können. Aber Studien zeigen, dass wir, wenn wir unser Bewusst-Sein gekonnt einsetzen und somit „klar denken können“, einen effektiven Einfluss auf unsere Ängste haben. In einer Studie mit Führungskräften die an Ängsten und Herzklopfen litten, ging die Zahl der Symptome innerhalb einer Woche bei einem Atemtechnik-Training, wie folgend zurück:

 

Die Fähigkeit uns in Ängste oder Leid zu manövrieren, liegt in unseren Inneren, ebenso aber auch die Fähigkeit, wieder damit aufzuhören. Viel körperliches und emotionales Leid kommt dadurch zustande, weil Gefühl und Verstand, zwischen angstvollen Gedanken hin und her springt und alte Erfahrungen (Emotionen) mit sich herumschleppt… Selten erkennt er, dass er den Stress dabei selbst verursacht – bis es zu einem Einbruch kommt. Dieser Ablauf lässt sich gezielt unterbrechen und verändern.          Quelle: Doc Childre, Howard Martin „The HeartMath Solution“:

 

Wer nicht glaubt, dass es so einfach geht, kann es selbst ausprobieren. Herzkohärenz lässt sich messen. ( mehr dazu hier >> ) In unseren Seminaren und Workshops kann jeder dieses messbare Ergebnis bei sich selbst erleben.

 

 

 



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